23. Oktober 2015

Zeitgeschichte mit Malala (svz 23-10-15)

Zwischen Interesse und Empörung: Die Autorin (Wiebke Rohloff) steigt immer tiefer in die Biografie Malalas ein.

Zwischen Interesse und Empörung: Die Autorin (Wiebke Rohloff) steigt immer tiefer in die Biografie Malalas ein.

Das Mecklenburgische Landestheater Parchim führte seine neueste Produktion „Malala – Mädchen mit Buch“ im Eldenburg Gymnasium auf

Lübz/Parchim

Am Schreibtisch kleben Merkzettel, der Boden ist bedeckt mit Papierhütchen. Eine junge Autorin stolpert, Bücher unter dem Arm, auf die Bühne. Sie ist in Rage, das schwere Geschäft des Schreibens geht nicht so recht von der Hand. Woran sie arbeitet beziehungsweise scheitert, wird nicht ausdrücklich gesagt. Aber es scheinen politische Themen zu sein, da sie an trockenen Begriffen wie „Menschenrechtsregulierungen“ würgt, bis sie im Web vom Attentat auf Malala Yousafzai liest. Von nun beschäftigt sie sich mit Malalas Geschichte, versetzt sich in sie und in die Lage der Menschen, die in islamischen Ländern täglich mit der Angst vor dem Terror leben.

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Der Wirklichkeit in islamischen Ländern auf der Spur: Die Autorin (Wiebke Rohloff) hat ihre Schreibkrisen überwunden

Welche Verwirrung der sogenannte Clash der Kulturen in westlichen Köpfen anrichtet, wird in diesem stark dokumentarisch ausgerichteten Stück nicht verschwiegen. „Vieles an den Religionsgemeinschaften verstehe ich nicht“, sagt die Autorin an einer Stelle. Und: „So krieg ich kein Wort aufs Papier.“ Alles ist eben so verworren. Daher führt Autor Nick Wood seine Bühnenfigur – und damit sein junges Publikum – immer konkreter in die von Krieg und Krisen gezeichnete Welt von Menschen „neben denen der Tod geht“ und er führt sie zu Malala: Mit elf Jahren (2009) beginnt sie auf Vermittlung ihres Vaters einen Blog für BBC über das Leben unter den Repressalien der Taliban im pakistanischen Swat-Tal zu schreiben. Sie wendet sich vor allem dagegen, dass die Taliban Mädchen den Schulbesuch verbieten. 2012 wird ihr Schulbus von Taliban überfallen und Malala schwer verletzt. Wieder genesen erhält sie für ihr mutiges und trotz ihrer Jugend so willensstarkes und kluges Engagement gegen den Terror 2014 den Friedensnobelpreis.

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Die Initiatorin des Gastspiels, Carola Henkelmann, vor Schülern und Schülerinnen der Klassen 8 bis 10
Foto: monika maria degner

Darstellerin Wiebke Rohloff bewältigte den einstündigen Monolog in hohem Tempo und mit klarer Artikulation. Sie versetzte sich – gut nachvollziehbar für das Publikum – in verschiedene Rollen, unter anderem in Malala, ihre Mitschülerinnen oder auch in einen Taliban. Woods schnörkellose Sprache, Rohloffs teils empörte, aufgebrachte, aber immer engagierte „Ansprache“ der Zuschauer und Zuschauerinnen, dazu Filme und auf einer Pinnwand Fotos und Jahreszahlen – das alles war im Sinne des Autors aufklärend von Regisseur Thilo Schlüßler inszeniert. In der Summe aber war diese Stunde Theater vor allem berührend. Die Betroffenheit der anwesenden Schüler aus den Klassen 8 bis 10 war deutlich zu spüren, es war still, bis Rohloff herzlicher Beifall gespendet wurde. Offenbar waren die jungen Leute auch nicht unvorbereitet in diese Vorstellung gegangen. Sie hatten sich für die Teilnahme mit schriftlichen Begründungen bewerben müssen. Laura Froeschke, Schülerin und Mitglied der SoR-Gruppe („Schule ohne Rassismus“) fand: „Ich verbinde Malalas Geschichte mit der von Anne Frank“, in einer bedrohlichen Lage die eigenen Gedanken aufschreiben.

Es gehe um Bildung, hatte Kunstlehrerin und Schulsozialarbeiterin Carola Henkelmann in ihrer kurzen Ansprache gesagt. Die Wichtigkeit von Bildung, deutete sie an, zeige sich heute auch im Zusammenhang mit Fremdenfeindlichkeit und der Pegida-Bewegung. Henkelmann hatte die Initiative für den Besuch des Landestheaters im Gymnasium in Lübz ergriffen. Gefördert wurde er vom Büro für Chancengleichheit des Landkreises im Rahmen der Initiative „Demokratie leben – aktiv gegen Rechtsextremismus und Menschenfeindlichkeit“.

Monika Maria Degner
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