Zersetzung (svz 11-10-2018)

Mehrere Fallbeispiele gibt Dr. Sandra Pingel-Schliemann auch auf gedruckten Bildtafeln. Zersetzung konnte nur gelingen, weil so vieles in der DDR gelang.
Foto: Sabrina Panknin

EGLianer arbeiten zum Thema subtiler Terror in der DDR und treffen Zeitzeugen

Karin Ritters Leben endet im November 1990. Durch Suizid. Der Mauerfall liegt bereits ein Jahr zurück, als die Schweriner Kinderärztin ihr Leben beendet. Als Ärztin arbeitet sie bereits nicht mehr, hat sich viele Jahre zuvor schon abgeschottet, spricht nur noch wenig, ist depressiv. Karin Ritter ist mittlerweile in einer Psychiatrie untergebracht. Diagnose: Schizophrenie. Ihre „Zersetzung“ war erfolgreich.
Karin Ritters Foto ziert den Flyer der neuen Ausstellung im Mehrgenerationenhaus Zebef in Ludwigslust. Lesehocker, sogenannte Rollups stehen derzeit im Eingangsbereich. Das Thema der Ausstellung „Zersetzung – Repressionsmethode des Staatssicherheitsdienstes“. „Karin Ritters Schicksal lässt mich heute noch schaudern“, erzählt Dr. Sandra Pingel-Schliemann bei der Vernissage zur Ausstellung. Die Politikwissenschaftlerin aus Beckendorf bei Lübz konzipierte im vergangenen Jahr die Ausstellung in Kooperation mit dem Förderverein Denkstätte Teehaus Trebbow. Gemeinsam mit Schülern des Eldenburg-Gymnasiums Lübz spricht sie über das Thema.

Politische Hintergründe beleuchten

„Wir wollen damit vor allem junge Menschen erreichen“, sagt Sandra Pingel-Schliemann. Gefreut habe sie sich über die Reaktionen der Schüler. Sie hätten schnell verstanden, dass es sich bei „Zersetzung“ um nichts Chemisches handelt. Viele hätten sofort gesagt, sie müssten abends noch einmal ihre Eltern befragen. Und das wichtigste überhaupt für die Politikwissenschaftlerin: „Die Elftklässler hätten die Bedeutung der Ausstellung auf ihr heutiges Leben übertragen. Sie haben erkannt, dass sie wählen gehen müssen.“

Ziel der Wanderausstellung sei es, die Methode der Zersetzung zu erklären, die politischen Hintergründe zu beleuchten, Beispiele zu geben und Betroffene anzuhören. Sandra Pingel-Schliemann habe mit vielen Betroffenen gesprochen. Auch nach der Vernissage kommt sie mit einigen ins Gespräch. Zersetzung sei eine leise Methode der Stasi gewesen. Die Betroffenen selbst hätten nur selten das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) hinter den „Banalitäten“ vermutet.

Verstellte Blumenkübel, umgehängte Bilder, neusortierte Gewürzdosen in der Küche… „Mit solchen ,Banalitäten‘ wurde auch Karin Ritter verunsichert“, erklärt die Politikwissenschaftlerin.

Viele Besucher kennen die Methoden

Grund: Karin Ritter gründete die Gruppe „Frauen für den Frieden“, war Vorsitzende der „Arbeitsgruppe Frieden“, engagierte sich politisch, galt beim MfS als Widerständlerin. Ihre Reputation als Ärztin sollte untergraben werden. Die Methoden nützten aber nichts, deshalb sollte die Zersetzung härter werden – so steht es in der Akte. Bekannt war der Stasi zu diesem Zeitpunkt bereits, dass Karin Ritter psychische Probleme hatte. Jetzt sollte sie endgültig zermürbt werden.

An solche „leisen Methoden“ können sich auch einige Vernissage-Besucher erinnern. Zersetzung war kein Einzelfall. Vom subtilen Terror kann auch Liane-Angelika Scharnewski berichten. Ihr Vater war zu DDR-Zeiten inhaftiert. „Wegen eines Witzes über Walter Ulbricht“, erzählt die Ludwigslusterin. Wegen Beleidigung der Partei war auch ihr Ehemann inhaftiert. Allein deswegen geriet die Ludwigslusterin ins Visier der Stasi. Von merkwürdigen Erlebnissen kann sie deshalb ebenfalls berichten. Verstellte Blumenkübel kennt sie auch. Sie könne nur jedem empfehlen, all dies – auch 29 Jahre nach dem Mauerfall – aufzuarbeiten.

– Quelle: https://www.svz.de/21295357 ©2018