„Antisemitismus kommt wieder“ (svz 27-03-2019)

Judenfeindliche Postkarten aus dem 19. und 20. Jahrhundert: Wanderausstellung „abgestempelt“ in der Aula des Lübzer Gymnasiums
Ausstellungseröffnung - Abgestempelt

Die Ausstellung „abgestempelt“ besteht aus einer Auswahl an judenfeindlichen Postkarten und Texttafeln. Franziska Gutt

Franziska Gutt Lübz Was heute eine SMS oder eine Whatsapp-Nachricht auf dem Handy ist, war um 1900 die Postkarte. Unkompliziert und günstig verschickten die Deutschen massenhaft Grußbotschaften auf kleinen Papierrechtecken, überbrachten Glückwünsche und Urlaubsberichte. Ansichtskarten sind auch heute noch unter Touristen beliebt, auch Glück-, Festtags- oder Genesungswünsche können so verschickt werden. Doch damals hatten die Karten eine weitere Funktion inne, die mit der heutigen Kommentarspalte auf einer Internetseite zu vergleichen ist.

Sie boten Platz, um politische Meinungen loszuwerden. Unverblümt rassistische Haltungen von sich zu geben. Vorurteile wiederzukauen. Jenseits einer Diskussion um politische Korrektheit waren damals rassistische und antisemitische Kartenmotive ganz normal. Was humorvoll wirken sollte, sind tatsächlich diffamierende Darstellungen von Juden und anderen Mitbürgern, die vermeintlich nicht zur deutschen Gesellschaft dazugehörten.

Anschauliche Beispiele für Diskriminierung im Postkartenformat bietet eine Wanderausstellung unter dem Titel „abgestempelt“, die es seit Montag im Lübzer Gymnasium zu sehen gibt. Im Fokus der Ausstellung, die in Kooperation mit der Bundeszentrale für politische Bildung erarbeitet wurde, steht das Thema Diskriminierung und Antisemitismus. Letzteres wird anhand von zahlreichen Postkartenmotiven gezeigt, die Wolfgang Haney sammelte.

Gerd Vorhauer, Lehrer für Geschichte und Französisch, holte die Ausstellung an das Gymnasium. „Antisemitismus und Rassismus waren nach dem Zweiten Weltkrieg tabuisiert. Inzwischen ist leider festzustellen, dass wilde Thesen und rassistische Meinungen wieder gesellschaftsfähig sind. Im Rahmen des Projektes Schule ohne Rassismus wollen wir dem etwas entgegensetzen“, so der Pädagoge.

Insbesondere im Internet kursierten Hass und Hetze gegen alles, was fremd ist, meint er. Auch Antisemitismus spiele heute wieder eine Rolle. „Der kommt wieder hoch“, sagt der Lehrer. Die Ausstellung soll über Pauschalurteile, Stereotypen und „Dinge, die man glaubt, zu wissen“ aufklären. In den kommenden Wochen werden die Schüler der Klassen neun und zehn zum Thema Judenfeindlichkeit unterrichtet, so Gerd Vorhauer.

Das Medium „Postkarte“ sei ein veraltetes und doch interessantes Darstellungsmittel, so der Lehrer. „Sie hat Ähnlichkeit mit den Kommunikationsmitteln von heute, war so etwas wie der Twitter-Dienst des 19. Jahrhunderts“, sagt Vorhauer. Die Schau steht bis zum 12. Mai in der Aula des Eldenburg-Gymnasiums und ist für ein breites Publikum geöffnet – vorherige Anmeldung ist erwünscht. Neben einer Auswahl an Motiven informieren Schautafeln über Antisemitismus im Bild, judenfeindliche Stereotype und Haltungen sowie staatlich geduldeten und propagierten Antisemitismus. Es wird deutlich, dass sich öffentliche Judenfeindlichkeit nicht erst zu NS-Zeiten manifestierte.